Der Vorhang, der nie so dünn war
Samhain soll das uralte keltische Neujahr gewesen sein, das Fest, an dem die Toten zurückkehren. Ein britischer Historiker hat diese Geschichte gründlich zerlegt – was bleibt, ist trotzdem stark genug für einen Abend im November.
Jedes Jahr im Oktober taucht derselbe Satz auf, in Blogs, auf Social Media, in Ritualanleitungen: An Samhain, dem uralten keltischen Fest, sei der Vorhang zwischen den Welten am dünnsten. Die Kelten hätten hier ihr Neujahr gefeiert, die Toten seien zurückgekehrt, und was wir heute Halloween nennen, sei nur die verwässerte, kommerzialisierte Enkelin eines jahrtausendealten heiligen Brauchs.
Es ist eine gute Geschichte. Sie hat nur ein Problem: Der britische Historiker Ronald Hutton, der jahrzehntelang die Quellen zum britischen Festkalender durchforstet hat, kommt zu einem unbequemeren Befund. Die zwei Gelehrten, auf die diese Geschichte zurückgeht, haben sie um 1900 auf sehr dünner Grundlage zusammengesetzt – und einer von beiden räumte selbst ein, dass die Belege nicht eindeutig sind.
Heißt das, an Samhain ist nichts dran? Nein. Es heißt, dass zwei verschiedene Dinge in einen Topf geworfen wurden, die sauber auseinandergehören: eine erfundene Mythologie – und eine echte, heute wissenschaftlich gut begründete Praxis, die diese Mythologie gar nicht braucht.
Der Stoff
Die Behauptung „keltisches Neujahr“ stammt von einem einzelnen Gelehrten, ohne antike Quelle. Der walisische Philologe John Rhys stellte Ende des 19. Jahrhunderts die These auf, Samhain sei der keltische Jahreswechsel gewesen. Seine Grundlage waren Volksbräuche aus Wales, Irland und von der Isle of Man, wo der 31. Oktober mancherorts „Neujahrsnacht“ hieß. Einen antiken Text, der das belegt, gibt es nicht. Hutton nennt die Beweislage dürftig.
Die Behauptung „Fest der Toten“ stammt von einem zweiten Gelehrten – der selbst einräumte, dass die Belege nicht eindeutig sind. Der Cambridge-Gelehrte James Frazer erklärte Samhain zum vorchristlichen Totenfest, weil die Kirche Allerheiligen und Allerseelen auf den 1. und 2. November gelegt hatte. Daraus schloss er zurück, das müsse die Christianisierung eines älteren Brauchs sein. Einen tatsächlichen Beleg dafür gab es nicht. Es war ein Zirkelschluss: ein christliches Datum als Beweis für ein heidnisches Fest zu nehmen, das man daraus erst konstruiert hatte.
Das Kirchendatum selbst ist keine Christianisierung von Samhain, sondern ein europäischer Flickenteppich. Allerheiligen wurde lange an ganz unterschiedlichen Tagen begangen: Rom weihte 609 ein Fest aller Märtyrer am 13. Mai, die irische Kirche gedachte aller Heiligen am 20. April. Den 1. November übernahm das Frankenreich offiziell erst 835, Allerseelen am 2. November setzte sich im 11. Jahrhundert durch, angestoßen von Abt Odilo von Cluny. Hutton hält für den 1. November einen germanischen Ursprung für wahrscheinlicher als einen keltischen. Ausgerechnet in Irland, wo Samhain zu Hause war, lag Allerheiligen also im Frühjahr.
Was tatsächlich belegt ist, ist trotzdem bemerkenswert – nur anders. Der Coligny-Kalender, ein gallischer Bronzekalender aus dem 2. Jahrhundert, kennt einen Monat SAMON mit den „drei Nächten des Samon“ – ein Hinweis auf ein Fest. Ob dieser Monat im Herbst oder um die Sommersonnenwende lag, ist allerdings umstritten. Im mittelalterlichen irischen Epos Serglige Con Culainn versammeln sich die Ulaid an Samhain eine Woche lang – mit Spielen, Musik, Festmahl. Keine der frühen Textstellen erwähnt religiöse Handlungen. Es war in erster Linie eine Versammlung nach dem Sommer der Kriegszüge, der Ernte und des Handels. Und es war eine Zeit der Feuer im ganz praktischen Sinn: Das Vieh kam von den Sommerweiden zurück, ein Teil wurde geschlachtet, weil das Winterfutter nicht für alle Tiere reichte, und die Knochen sollen in den Feuern gelandet sein.
Der „dünne Vorhang" selbst ist kein Hirngespinst des 19. Jahrhunderts – aber er ist mittelalterlich, nicht uralt. Ab dem 10. Jahrhundert, also erst Jahrhunderte nach der Christianisierung Irlands, tauchen in irischen Sagen wiederholt Motive auf, in denen Samhain zum Zeitpunkt wird, an dem sich das Tor zur Anderswelt öffnet – im Cath Maige Tuired, im Táin Bó Cúailnge, im Aislinge Óenguso. Das Motiv ist also literarisch real. Nur wissen wir nicht, ob es einen vorchristlichen religiösen Glauben widerspiegelt oder eine mittelalterliche Erzähltradition ist, die von christlichen Mönchen aufgeschrieben wurde. Folklore, schreibt Hutton, ist keine verlässliche Quelle für vorchristliche Religion – Überlieferungen verändern sich innerhalb von zwei, drei Generationen, lange bevor sie aufgeschrieben werden.
Und dann gibt es noch die eigentlich interessante Wendung: Man muss den Vorhang gar nicht bemühen, um zu erklären, warum Ahnengedenken funktioniert. Bis weit ins 20. Jahrhundert galt in der Trauerforschung die von Freud geprägte „Grief-Work“-Theorie: Gesunde Trauer bedeutet, sich vom Verstorbenen zu lösen, die Bindung zu kappen, um wieder frei für neue Beziehungen zu sein. Wer die Bindung aufrechterhielt, galt als auffällig. 1996 stellten Dennis Klass, Phyllis Silverman und Steven Nickman dieses Modell mit ihrem Band Continuing Bonds infrage. Sie hatten Trauernde untersucht – verwitwete Menschen, trauernde Kinder, Eltern nach dem Tod eines Kindes – und fanden immer wieder dasselbe Muster: Viele Menschen halten eine fortlaufende, bewusst gepflegte Beziehung zu ihren Verstorbenen. Das ist nicht krankhaft, sondern normal, und für viele trägt es. Das deckt sich mit der Resilienzforschung von George Bonanno: Wer Trost aus Erinnerungen an die Verstorbenen ziehen kann, kommt häufig besser durch die Trauer.
Übersetzt heißt das: Ein Abend, an dem du bewusst über jemanden sprichst, der gestorben ist, ihm einen Platz gibst, eine Geschichte erzählst – das ist keine esoterische Zusatzleistung, für die es einen dünnen Vorhang braucht. Es ist eine von der Trauerforschung anerkannte, gut untersuchte Form, mit Verlust umzugehen. Sie funktioniert unabhängig davon, ob am 31. Oktober tatsächlich etwas dünner wird oder nicht.
Die unreife Form
Solange ein Mensch das nicht durchschaut hat, weicht er in eine von zwei Richtungen aus. Beide tragen Kostüme. Beide sind eine Umgehung.
Die erste ist das Konsumieren. Er kauft das „authentische keltische Ritual-Set", die Räucherstäbchen mit „druidischer Rezeptur", folgt einer Anleitung aus einem Hochglanz-Feed, die von „jahrtausendealter, ununterbrochener Tradition" spricht. Er zündet Kerzen an, spricht Formeln nach, postet ein Foto – und hat in diesen zwanzig Minuten keine einzige Sekunde tatsächlich an einen bestimmten, konkreten Menschen gedacht, den er verloren hat. Das Ritual wird zum Ersatz für die Sache, die es eigentlich leisten sollte. Ästhetik statt Beziehung.
Die zweite ist das Abwinken. Er liest „erfunden im 19. Jahrhundert", „keine historische Grundlage", „kommerzialisiertes Halloween" – und wirft mit der falschen Geschichte auch die Handlung weg, die darunterliegt. Er sagt sich, das sei alles Unsinn, hält an keinem Abend im Jahr bewusst inne, um an die Toten in seiner eigenen Familie zu denken, weil er sich für zu aufgeklärt hält für „so etwas". Er hat recht mit der Quellenkritik und übersieht dabei, dass die zugrunde liegende Handlung – jemandem, der gestorben ist, aktiv einen Platz in der eigenen Geschichte zu geben – eine gut erforschte Form ist, mit Verlust gesund umzugehen.
Der Konsument braucht die Erfindung, weil er ohne sie nicht wüsste, warum er etwas tut. Der Abwinker lehnt die Erfindung ab und verliert dabei die Handlung gleich mit. Beide verpassen an diesem Novemberabend dieselbe Gelegenheit.
Die reife Form
Der reife Umgang beginnt mit einer Trennung, die unspektakulär ist, aber trägt: Die Geschichte vom dünnen Vorhang ist erfunden. Die Handlung, für die sie erfunden wurde, ist es nicht.
Wer weiß, dass „uraltes keltisches Neujahrsfest" eine Behauptung von 1900 ist und nicht von 1900 vor Christus, muss trotzdem nicht auf die Handlung verzichten, die sich in den letzten hundert Jahren um sie herum gebildet hat. Man kann einen Abend im November wählen – der 31. Oktober liegt nahe, aber jeder andere Tag funktioniert genauso gut –, an dem man bewusst über die Toten der eigenen Familie spricht. Nicht, weil an diesem Tag ein Tor offensteht, sondern weil ein fester Termin im Kalender die einzige verlässliche Methode ist, damit eine gute Absicht tatsächlich stattfindet und nicht im Alltag untergeht.
Der Reife braucht auch keine „ununterbrochene Tradition seit den Kelten", um sich für berechtigt zu halten. Was er tut, ist gültig, weil die Trauerforschung es als gesunde Form der Bindung beschreibt – nicht weil eine Ahnenkette bis in die Eisenzeit zurückreicht, die es so nicht gibt. Er erzählt eine konkrete Geschichte über eine konkrete Person. Er stellt eine Kerze hin, ein Foto, einen Gegenstand, der an sie erinnert. Er spricht ihren Namen laut aus, weil genau das – nicht das Kostüm, nicht die Formel – das ist, was die Continuing-Bonds-Forschung als tragend beschreibt: die bewusste, aktive Integration der Verstorbenen in die eigene, fortlaufende Lebensgeschichte.
Was vom historischen Samhain tatsächlich bleibt, ist dabei kein schlechter Rahmen: eine Versammlung nach der Ernte, ein Feuer, ein Innehalten am Übergang zur dunklen Jahreshälfte. Das trägt auch ohne die erfundene Mythologie darüber. Man muss dem Vorhang nicht glauben, um zu wissen, dass es guttut, einmal im Jahr laut auszusprechen, wer einem gefehlt hat.
Die Perle
Die Toten kommen nicht zurück, weil ein Vorhang dünner wird. Sie waren nie ganz gegangen – ein Platz am Tisch macht das nur sichtbar.
Die Übung zu diesem Artikel – ein Ahnenabend ohne erfundene Mythologie: Impuls: Ein Platz am Tisch.